Anne Heß
Eigentlich kommt Anne Heß von der klassischen Musik, die ihr über lange Zeit vor allem wichtig war. Zum Jazz fand sie in relativ vorgerücktem Alter. Da er ihr immer wichtiger wurde, begann sie in Bands zu spielen und sich intensiver damit zu befassen. Ihre Jazzstudien waren an der Frankfurter Musikwerkstatt, bei Jürgen Wuchner und Christopher Dell. Die klassische Musik hat nach wie vor große Bedeutung für sie, durch die Erfahrungen im Jazz hat sie hier neue Zugänge gewonnen.
An der Bertolt-Brecht-Schule, wo sie Musik unterrichtete, leitete sie mehrere Jahre die Jazzband.
Ihr macht es Spaß, bei Festen und Feiern durch Musik eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Sie ist jedoch auch zur Moderne hin offen, mit Freude am Experiment. Sicherlich ist die Musik, die Anne Heß macht, wohl am ehesten mit "Mainstream" zu bezeichnen. Besonders gern spielt sie Titel von Thelonious Monk, Duke Ellington, John Coltrane, Ron Carter, Horace Silver und anderen.
Momentan spielt sie in den Gruppen:
- "Menage à Trois" mit Michael Bossong (Sopransaxophon), Michael Distelmann (Bass) [siehe unten]
- im Duo mit Udo Brenner (Bass); gelegentlich erweitert zu "Lyrik & Jazz" mit Fritz Deppert [siehe unten]
"Menage à Trois":
Die Musik dieses Trios wurzelt im Jazz, lebt von der freien Luft der Improvisation, spielt mit populären Melodien aus aller Welt und haucht Standards und Volksliedern frisches Leben ein.
Die kammermusikalische Besetzung ermöglicht Interaktion und Spontaneität - eine offene Bühne für ein angeregtes Zwiegespräch zu dritt. Das Repertoire der Band umfasst Folksongs aus Bulgarien und aus Aserbaijdschan, aus dem Elsass und aus Oberbayern, ebenso wie Eigenkompositionen und klassische Jazz Standards.
"Lyrik und Jazz"
Lyrik und Jazz haben sich immer wieder aufeinander zubewegt. Das Besondere an dem Projekt mit Fritz Deppert (Texte), Anne Heß (Klavier) und Udo Brenner (Kontrabass) ist die Auswahl von moderner Jazzmusik und Lyrik: Zu den Texten von Fritz Deppert erklingen lyrische, nachdenkliche Kompositionen, u.a. von John Coltrane, Charles Mingus oder Thelonious Monk.
Darmstädter Echo, 7. Mai 2002:
Ein Austausch von Klang und Sprache
Lyrik und Jazz: Gedichte von Fritz Deppert mit Musik von Anne Heß und Udo Brenner vor kleinem Zuschauerkreis in Kranichstein
DARMSTADT. Die Verbindung zwischen dem Darmstädter Lyriker Fritz Deppert und der Pianistin Anne Heß war ein sprachlicher wie klanglicher Austausch: Heß band im Kranichsteiner Jagdschloss am vergangenen Sonntag Depperts Gedichte gezielt in Jazzsongs ein: Monk-, Mingus-, Golson-, Coltrane-, Hancock- und Ellington-Kompositionen. Deren atmosphärischen Inhalte spiegelten sich wiederum in der Lyrik wider, passten sich dem Rhythmus der Songs an und fanden einen Gleichklang, wenn ihnen ein Reim unterlegt war.
Die Gedichte wirkten verhalten, behutsam, betont, sinnierend, dann bloß skizzenhaft, selten ausschweifend; sie passten sich dem akustischen wie dem elektrischen Klavier von Anne Heß und dem swingenden Bass Udo Brenners an. Dann wieder trug Deppert seine Gedichte ohne Klavierbegleitung vor, schöpfte aus einem großen Reservoir sprachlicher Bilder, klammerte auch das Gedicht „Jazzregen“ nicht aus, das er vor zehn Jahren geschrieben hatte.
Der idyllische Rondellsaal im Jagdschloss diente als idealer Rahmen für Depperts Lyrik und Heß’schen Jazz. Der Zuhörerkreis war zwar klein, brachte aber der Veranstaltung viel Aufmerksamkeit und Interesse entgegen.
Kenneth Rexroth Kombination hatte vor 45 Jahren in San Francisco die Idee einer Kombination von Lyrik und Jazz. Die Beat-Generation trug sie dann weiter, von Lawrence Ferlinghetti, Kenneth Patchen (mit Allyn Fergusons Chamber Jazz Sextett), Allan Ginsberg, Jack Kerouac (mit den Saxophonisten Al Cohn und Zoot Sims), Ken Nordine (mit der Musik des Cellisten Fred Katz) sowie Langston Hughes (mit der Musik des Jazzbassisten Charles Mingus). Vor 20 Jahren produzierte Joachim Ernst Berendt mit Gerd Westphal und dem Polski Jazz Ensemble in dieser Tradition den „Walzer vom Weltenende“, eine der ersten Initiativen des späteren Darmstädter Jazz-Instituts. (goe)
Kontakt:Anne Heß
Ohlystraße 32
64285 Darmstadt
Tel. (06151) 46605
Presseberichte über Anne Heß:
Darmstädter Echo, 7. Februar 2006:
Mit 73 Jahren hat sie eine Band gegründet.
Klaviermusik: Lehrerin Anne Heß entdeckte erst im Alter ihre Leidenschaft für Modern Jazz und ließ sich von der Pike auf ausbilden
Wenn Sechzigjährige in Rente gehen, stehen ihnen noch 20 bis 30 Lebensjahre bevor. Losgelöst von den Zwängen des Berufs, haben sie auf einmal viel Zeit, sich auf ihre Wünsche und Stärken zu besinnen. In einer Serie stellen wir Angehörige der Generation 60 plus vor, die für ihren dritten Lebensabschnitt neue Aufgaben gesucht, gefunden und festgestellt haben, dass es nie zu spät ist, dem Leben eine überraschende Wendung zu geben.
Nein, Dixieland ist nicht ihr Ding. Und mit den freien Improvisationen im Free Jazz kann Anne Heß (73) auch wenig anfangen. Jazz der fünfziger, sechziger, siebziger Jahre muss es sein, „weil er von der Harmonik her interessant ist.“ Jazz also von der rhythmischen Finesse und der eigenständigen musikalischen Ästhetik eines Miles Davies, Herbie Hancock, Chick Corea oder Thelonious Monk. Da leuchten ihre Augen.
Anne Heß, frühere Lehrerin für Musik und Französisch an der Bert-Brecht-Schule, hat sich ein halbes Leben lang der klassischen Klaviermusik verschrieben und erst nach ihrem fünfundfünfzigsten Geburtstag ihre Liebe zum Jazz entdeckt. Der Ruhestand mit 60 war beschlossene Sache, also hatte sie fünf Jahre Zeit, sich neue Ziele fürs Rentenalter zu setzen: Und aus der Lehrerin wurde in der Freizeit eine Jazz-Schülerin. Heute tritt die Dreiundsiebzigjährige mit unterschiedlichen musikalischen Begleitern in Darmstadt und Umgebung als Jazz-Pianistin auf. Immer ist sie die älteste Musikerin, nur in der Senioren Swing Band, für die sie mit großem Vergnügen Volkslieder verjazzt, liegt sie im Alters-Mittelfeld.
Hoch konzentriert entlockt Anne Heß ihrem Klavier die Viertelbeats. Swing liegt in der Luft und Lebensfreude. Diese Leichtigkeit ist hart erarbeitet. Nie hat sie die Kurse bei Joe Viera in Burghausen nahe München gezählt, in denen sie Jazz von der Pike auf studierte: Klavier, Gesang, Harmonielehre.
Freitags hinfahren, sonntags zurück, montags wieder Schule halten – so sahen ihre Wochenenden aus. Das Saxophon wäre eigentlich ihr Lieblingsinstrument für den neuen musikalischen Lebensabschnitt gewesen, aber um das zu erlernen, war sie denn doch zu alt, „dazu fehlt mir der Atem“, gibt sie offen zu.
Weil die Wochenenden nicht ausreichten, um die von ihr angestrebte musikalische Perfektion zu erreichen, besuchte sie zusätzlich die Frankfurter Musikwerkstatt, ging in Darmstadt in die Band-Schule von Jürgen Wuchner und Christopher Dell und nahm Unterricht bei verschiedenen Klavierlehrern, um von jedem ein bisschen mehr und ein bisschen etwas anderes zu lernen.
Dass sie stets die älteste Schülerin ist, stört ihre Lehrer nicht. „Sie haben es mich nie merken lassen. Außerdem verbindet das gemeinsame Musizieren, und darüber vergisst man alles andere.“ Dennoch empfindet es Anne Heß als großes Glück, dass die Rentnerband Swing Sound Orchestra sie angeworben hat. Seit zwei Jahren spielt sie nun schon mit fast Gleichaltrigen zusammen. Mit 73 hat sie eine eigene Band mit Musikern um die 40 gegründet: „Menage à trois“. Ihr Repertoire besteht aus Stücken, die alle Bandmitglieder mögen. Mehrfach ist Anne Heß im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut aufgetreten, hat im Café „Das Blatt“, der „Ringbar“ und in einem Lokal in Bad König gespielt und Lyrik-Abende mit Fritz Deppert und Udo Brenner gestaltet. Seitdem sie ein E-Piano besitzt, übt sie noch fleißiger zu Hause – mit Kopfhörern, damit die Nachbarn nicht gestört werden. „Die Tasten sind gewichtet, es fühlt sich an wie ein richtiges Klavier.“
Lange Zeit habe sie „zu klassisch“ gespielt, kritisiert sie sich, aber beim Jazz sei der Anschlag ja ganz anders, und der Rhythmus müsse sehr präzise sein. Der Klassik ist die Jazz-Liebhaberin aber nicht untreu geworden: „Eher trifft das Gegenteil zu: Wenn ich heute Klassik höre, geschieht das mit viel wacheren Sinnen.“
Mit ihrer Band „Menage à trois“ tritt Anne Heß am 15. Juli um 15 Uhr im Rosengarten auf der Rosenhöhe auf. Am 6. August spielt sie dort – ebenfalls ab 15 Uhr – verjazzte Volkslieder mit der Swing Sound Seniorenband. Diese Rentnerband feiert am 24. Oktober ihr zehnjähriges Bestehen mit einem Jubiläumsball in der Orangerie. ( Petra Neumann-Prystaj)